Schreiben unter Druck. Poesie und Poetik der französischen Werkstatt für potentielle Literatur – OULIPO (1.07.2014)

Einladung zu kritischer Suchbewegung

Dienstag, den 1. Juli 2014, um 20.00 Uhr im Gästehaus der Universität, Teerhof, Bremen

Schreiben unter Druck. Poesie und Poetik der französischen Werkstatt für potentielle Literatur (OULIPO)

Vortrag und Schreibpraxis mit
Heiner Boehncke
Professor für neuere Literaturgeschichte (Frankfurt/M.)

Verehrte Empfänger unserer Einladungen,
liebe Freunde Kritischer Suchbewegungen!

Heiner Boehncke, den einige von Ihnen aus Veranstaltungen der letzten Jahre kennen und schätzen, bietet in diesem Sommer eine literarische Soirée der besonderen Art an. Sie ist nicht nur hörenswert, sondern lädt auch zum Mitmachen ein. Wer will, kann sich also auch in der Schreibpraxis von „Oulipo“ versuchen. In jedem Fall wird es einen spannenden und vergnüglichen Abend geben.

Unser Referent schreibt zu seinem Vortrag in Kürze:

Mitte Dezember 1960 traf sich in Paris ein Mathematiker und Schachtheoretiker mit einem berühmten Schriftsteller, um systematisch nach neuen Schreibverfahren zu suchen. Sie gründeten eine Schriftstellerassoziation, die bis heute besteht: OULIPO (ouvroir de littérature potentielle, Werkstatt für potentielle Literatur). Der Mathematiker war François Le Lionnais, Raymond Queneau (Zazie in der Metro)hieß der Autor. Sie interessierten sich für das Zusammenspiel von klar definierten „Schreibzwängen“ (frz. Contraintes) und literarischer
Produktivität. Zunächst kämmten sie die Literaturgeschichte nach „Vorläufern“ durch. In einer Mischung aus gewollter Selbstüberschätzung und relativierendem Humor stellten sie fest, dass schon immer nach Regeln von OULIPO geschrieben wurde. Tatsächlich sind literarische Spielformen wie Anagramm, Palindrom oder Lipogramm so alt wie die überlieferte Tradition. Im Barock wurde an diese Formen üppig angeknüpft, etwa mit dem Sonett, das einem strengen Schema folgt.
Als dann Mitte der 60er Jahre Autoren wie Italo Calvino, Georges Perec, dann Jacques Roubaud und in Deutschland der geniale Übersetzer Eugen Helmlé und Oskar Pastior hinzukamen, entstand bald eine sehr produktive neue Literatur, die sich ständig selbst ausgedachten oder weiterentwickelten Formzwängen unterwarf. Perec veröffentlichte 1969 mit La Disparition einen lipogrammatischen Roman ohne „e“. der von Helmlé wunderbar übersetzt wurde. Perec hat den Verzicht auf den im Französischen wie im Deutschen am häufigsten verwendeten Buchstaben auch als eine Form von Trauerarbeit verstanden. Seine Eltern, polnischstämmige Juden, waren nach Frankreich ausgewandert. Der Vater fiel 1940, die Mutter wurde 1943 verschleppt und wurde wahrscheinlich in Auschwitz-Birkenau ermordet. Mit sieben Jahren wurde Georges Perec zum Vollwaisen. Er verlor das Liebste und schrieb einen Roman, in dem er auf den wichtigsten Buchstaben verzichtete.
Oulipotische Literatur thematisiert und reflektiert, wie versteckt und pfiffig auch immer, den jeweiligen Schreibzwang. Ein Sonett über das Sonett wäre ein vollendetes oulipotisches Gedicht.
Mittlerweile existieren in vielen Ländern oulipotische Schreibgruppen mit immer neuen Einfällen, atemberaubenden Schreibzwängen und Ausweitungen auf andere ästhetische Praktiken in Musik, Grafik und Malerei. Basis bleibt dabei immer das Interesse an der Frage, was passiert, wenn eine Kunst, ein Verfahren in die Enge getrieben wird. Wer ohne „a“ oder monovokalistisch nur mit „a“ schreibt, gelangt rasch an die Grenzen der geläufigen Sprache. Er oder sie hilft sich (und oft den Lesern) mit Erfindungen, die manchmal als poetische Blitze erhellen oder auch umwerfend komisch wirken.

In seinem Vortrag wird Heiner Boehncke in Theorie und Geschichte oulipotischer Verfahren einführen. Poetische Suchbewegungen werden aber auch den Zuhörern abverlangt, die bitte Papier und Stift mitbringen.

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